Gang durch die Sammlungen des Schleizer Schlosses
Ein ganz besonderer geistiger Genuss war gestern Sonntagvormittag einigen, verhältnismäßig wenigen Schleizern vergönnt. Berufsschulleiter Hänsel, der derzeitige Archivar des Stadt-, sowie des Fürstl. Hausarchivs, der Verwalter des Fürstl. Münzkabinetts und der Fürstl. Schlossbibliothek, hatte die Stadtverwaltung, den Stadtrat und die Presse zu einer Besichtigung dieser Einrichtungen eingeladen. Die Führung ließ erkennen, dass die von Berufsschulleiter Hänsel geleiteten Institute sich in bester Ordnung befinden. Viele Schleizer wissen gar nicht, was für ein Schatzkästlein unser Schloss ist, was es für Millionenwerte an Altertümern und geschichtlichen Schätzen enthält. Stundenlang könnte man hier zwischen Akten und Büchern, zwischen Urkunden und Gegenständen herumwandern und „hocken“, wenn man alles einmal einer richtigen Besichtigung unterziehen wollte. Tage und Monate würde man brauchen, bis man erst einigermaßen über all die Wunderlichkeiten und Seltenheiten Bescheid wüsste. Hier ist wirklich eine Quelle, ein Born, an dem sich der, der die Heimat, ihre Geschichte und Vergangenheit liebt oder sich für sie interessiert und begeistert, laben kann. Denn selbst bei der gestrigen Führung unserer Stadtväter konnte man feststellen, dass die meisten von ihnen noch keine oder nur eine ungenaue Vorstellung von den Schönheiten unserer Schlosssammlungen hatten. Es sei nur jedem Schleizer, der Sinn für solche Dinge hat, geraten, bei Gelegenheit hinauf zu unserem Schloss zu wandern und die dort aufbewahrten Seltenheiten zu bestaunen. Er wird nicht unbefriedigt von dannen gehen. Das gleiche gilt natürlich auch von dem im Schloss unter gebrachten Heimatmuseum, das unter der fachmännischen Leitung von Schulrat Behr steht, der sicher ebenfalls so entgegenkommend eine Führung durch das Museum übernehmen wird, wie Berufsschulleiter Hänsel durch die ihm unterstellten und schon angeführten Einrichtungen. Hier am Born heimatlicher Erkenntnis wird erst der Heimatsinn des einzelnen so gestärkt, dass er über vergängliche Dinge logisch und sachlich in geschichtlicher und politischer, in wirtschaftlicher und kulturpolitischer Beziehung denken lernt, sind doch diese stummen Zeugen reußischer, wie überhaupt deutscher Geschichte die eindringlichsten Mahner an unsere Zeit, aber auch an die Zukunft. Das ungefähr in Gedanken ausgedrückt war der Erfolg der gestrigen Führung bei den Teilnehmern. Der Rundgang selbst begann auf dem Nordflügel des Schlosses. Dort ist nun das von Berufsschulleiter Hänsel in zwei Jahren geordnete und katalogisierte Stadtarchiv in drei feuersicheren Räumen untergebracht. Zuerst wurden die Besucher von dem Archivleiter auf die Geschichte des Archivs seit 1728 aufmerksam gemacht. Anfangs befand sich dieses im Rathaus, später kam es in das Timmichhaus und wird seit 1922 im Schloss aufbewahrt. Sehr interessant sind die zum Teil in Pergament und Schweinsleder gebundenen ältesten Stücke der Sammlung: Die wertvolle städt. Urkunde aus dem Jahre 1342, neben 70 weiteren alten Originalurkunden. Einige wichtige, die darunter gezeigt wurden, sind die Urkunden von der Übergabe des Deutschen Hauses an die Stadt Schleiz 1544, das Stadtstatut von 1590 und 1625 und die Konzession der Viehmärkte 1703, die 1. Stadtrechnung von 1667/68, die sogar mit einem städt. Überschuss im Etat abschließt, die 1. Rechnung des Deutschen Hauses 1692, die 1. Kirchenrechnung 1689 und das seit 1648 bestehende Bürgerbuch. Aufbewahrt in dem Archiv ist übrigens auch die älteste auf reußischem Gebiet gedruckte Zeitung, das seit 1784 gesammelte Lobensteiner Intelligenzblatt, sowie die seit 1812 lückenlos gesammelte älteste Schleizer Zeitung, das Schleizer Wochenblatt. Das dieses Archiv eine wichtige Fundgrube städtischer Geschichte und Geschehnisse ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Wer gerne einmal über geschichtliche Vorgänge in unserer Stadt unterrichtet sein will, der richte seine Schritte auf das Schloss. Er wird nicht umsonst hinaufwandern. Von dem städt. Archiv ging die Führung zum Fürstlichen Hausarchiv, das drüben zwischen dem Ost- und Südflügel liegt. Es ist in 5 großen gewölbten Räumen einschließlich dem 1720 erbauten Turmarchiv untergebracht. U. a. konnte man dort einen von einem reußischen Handwerker angefertigten großen Stammbaum des Reußischen Fürstenhaues bewundern, der von dem Stammvater Erckebrecht abgeleitet ist und u. a. die zu Reuß gehörenden Städte, natürlich auch Schleiz, um die Wende des 18. Jahrhunderts im Bilde zeigt. Ganz großartig ist die von dem einzigen hauptamtlich angestellt gewesenen Geheime Archivrat Dr. Schmidt zusammengestellte reußische Urkundensammlung. Von ihr waren den Besuchern einige besonders schöne Exemplare mit wundervollen Siegeln in einer kleinen Ausstellung zugänglich gemacht. Man sah unter diesen Urkunden einen Ablassbrief für das Kloster zum Heiligen Kreuz bei Saalburg von 1320, sowie ausgezeichnet erhaltene kaiserliche und bischöfliche Siegel, Schenkungs- und Verleihungsurkunden reußischer Fürsten, die Stadt Schleiz betreffend. Der besondere Wert dieser Sammlung liegt darin, dass im Fürstl. Archiv Landes- und Dynastiegeschichte eng und in seltener Vollkommenheit miteinander verbunden sind. Das ist vor allem der Wert der in dem Schleizer Schloss aufbewahrten fürstlichen Sammlung, deren älteste echte Urkunde aus dem Jahr 1233 stammt. Hier ist auch die älteste, die Stadt Schleiz als Gemeinde erwähnende urkundliche Abschrift aus dem Jahr 1233 in Abschrift untergebracht. Das Original befindet sich im Albertinum in Dresden. Auch hier kamen die Besucher aus dem Staunen nicht heraus. Noch gerne hätte man länger in den interessanten Räumen geweilt, aber schon ging es weiter. Es folgte nun die Besichtigung des fürstlichen Münzkabinetts, das im Erdgeschoß des Südflügels des Schlosses liegt, Das Münzkabinett der Fürsten Reuß ist eine in Deutschland wohl einzig dastehende Seltenheit. Sein Wert ist unschätzbar. Es ist daher bedauerlich, dass die Sammlung, die nach Gera kommen soll, nicht für Schleiz verwendet werden konnte. Dafür kann man seiner Durchlaucht dem Erbprinzen umso dankbarer sein, dass er eingewilligt hat, dass wenigstens das Fürstliche Hausarchiv und die Fürstliche Schlossbibliothek, in Schleiz bleiben. Aber dies nur nebenbei! Das Fürstl. Münzkabinett enthält übrigens unter vielen anderen tausend Gold-, Silber- und Nickelmünzen eine fast lückenlose reußische Münzsammlung von rund 550 Münzen, außer zahlreichen Gipsabdrücken, die an Stelle nicht mehr aufbringbarer Münzen treten. Das Auge wird nicht satt an all den herrlichen Geldstücken, Medaillen und Erinnerungsstücken, die hier in fast unübersehbarer Folge zusammengetragen sind. Hier befindet sich auch ein reizendes Essbesteck, wohl das einzige, das aus Wetteragold hergestellt ist. Nicht zuletzt fallen dem Beschauer auch die Siegel- und Ordenssammlungen auf, die den Interessierenden stundenlang zu unterhalten vermögen. Nach der Münzsammlung wird schließlich die Fürstliche Schlossbibliothek besichtigt, die in vier großen hellen Zimmern, in zwei Etagen und dem reizenden Turmzimmer des südwestlich gelegenen Schlossturms insgesamt 40.000 Bände beherbergt. Im letztgenannten Turmzimmer findet der Beschauer auch die hübsche Bildersammlung und seltenen von dem Reußenfürsten zusammen- getragenen Andenken. Zum Schluss wird auch noch ein Rundgang durch das Heimatmuseum unter der Leitung von Schulrat Behr unternommen. Auch hier findet der Schaulustige an anschaulichem Material vieles aus der heimatlichen Geschichte, was ihm bei der Gelegenheit eines Besuches unvergesslich ins Gedächtnis eingegraben wird. Nach Schluss der Führung sprechen den beiden Herren der Oberbürgermeister Dr. Seyfferth im Namen der Stadt und Stadtratsvorsitzender Dietrich im Namen des Stadtrats den Dank für das Gesehene aus und schließen daran die Hoffnung, dass die Arbeit von Schulrat Behr und Berufsschulleiter Hänsel der Stadt wie der engeren Heimat zum Segen gereichen möchte. Nachdem die beiden Sprecher, Oberbürgermeister, wie Stadtratsvorsitzender, sich noch in das Fremdenbuch des Fürstl. und des Städt. Archivs eingeschrieben hatten, war der einzigartige Rundgang durch das Schloss offiziell beendet. Es ist zu hoffen, dass dieser Besichtigung noch viele andere aus nah und fernfolgen und viele Schleizer von der großen Bibliothek Gebrauch machen werden.
Gefunden im Stadtarchiv Schleiz in Schleizer Zeitung 09/1930 von Ingo Möckel

